
Herz der Republik: Wo früher der Palast der Republik aufragte, liegt heute Deutschlands teuerste Wiese. Eine beherzte Seele hat vor kurzem dort statt eines Kornkreises ein Herz ins Grün gezogen. (Anklicken zum Vergrößern)
Von der Ostsee zur Ostseele ist es nur ein kurzer Gedankenfluss. Genau heute wird allerorten der 20. Jahrestag des Mauerfalls begangen. Das Thema wurde zwar ausgiebig besprochen, doch möchte ich dem noch etwas hinzufügen. Es wird oft behauptet, ein einzelner Mann hätte die Grenze geöffnet. Manchmal meint man damit den Grenzbeamten Harald Jäger, der in der Bornholmer Straße als erster den deutsch-deutschen Schlagbaum entfernte. Viel öfter meint man jedoch den Regierungsversprecher Günter Schabowski, der auf der legendären Pressekonferenz vom 9. November 1989 den Zug der Geschichte in die Bornholmer Straße leitete.
Damit verdanken wir einem müden Pommern den Fall der Mauer, denn Günter Schabowski wurde am 4. Januar 1929 in Anklam geboren. Einem Gespräch mit Hans-Hermann Hertle am gestrigen Sonntag im Deutschen Historischen Museum konnte ich entnehmen, dass der frisch gekürte Regierungssprecher Schabowski ziemlich übermüdet war, als er die Erklärung zu den neuen Reiseregelungen verkündete und sich so den historischen Schnitzer „Das tritt nach meiner Kenntnis, äh, ist das sofort, unverzüglich“ leistete. Laut Hertle, der für sein Buch „Chronik zum Mauerfall“ recherchiert hatte, ging Schabowski im Anschluss an die Pressekonferenz ins Bett und schlief bis zum bösen Erwachen. Derweil bastelten AP und DPA aus diesem Satz die Meldung „Die Mauer ist offen“ und Hajo Friedrichs von den Tagesthemen machte daraus eine Fernsehmeldung, die sich im Nachhinein bewahrheiten sollte. Der Rest ist hinlänglich bekannt.
Seien wir Schabowski dankbar. Er war es auch, der am 4. November 1989 als einziger aus der SED-Führungsriege bei der Kundgebung auf dem Alexanderplatz zu den aufgebrachten Demonstranten sprach und dort von einer halben Million Menschen ausgepfiffen wurde. Respekt! Als Schabowski und Egon Krenz (ebenfalls aus Pommern) für die Todesschüsse an der Mauer angeklagt und verurteilt wurden, bekannte sich Schabowski zu seiner moralischen Schuld und trat seine Gefängnisstrafe nach meiner Kenntnis sofort, unverzüglich an, während Egon Krenz sich als Opfer stilisierte und überhaupt eine unsympathische Figur machte/blieb.
Ein anderer Anklamer war angeblich nicht so erfreut, als die Grenzen zum anderen Deutschland geöffnet wurden. Matthias Schweighöfer, der 1981 in Anklam geboren wurde, hatte sich so sehr auf seine Beförderung von den Jungen Pionieren zu den Thälmannspionieren und auf das rote Halstuch gefreut, dass ihm der Fall der Mauer nicht in den Kram passte. „Mich hat es tierisch genervt, dass die Mauer gefallen ist, weil ich mich so gefreut hab auf dieses Halstuch.“ So steht es zumindest im Netz.
Günter Schabowski ist heute im Krankenhaus und mit Egon Krenz spinnefeind. Mehr dazu:
http://de.news.yahoo.com/26/20091109/tde-schabowski-wir-haben-alles-falsch-ge-fd8d29c.html